Dein Baby schläft nicht?

Seit dem ich unseren Sohn vor fast drei Jahren geboren habe, sind nun mittlerweile 1013 Nächte vergangen. 1013 Nächte, von denen ich mindestens 990 nachts neben ihm lag und ihn mehr als 850 mal ins Bett brachte. Wir haben nie ein Schlaftraining mit ihm gemacht (auch wenn ich im ersten Jahr darüber nachgedacht habe), weil er einfach nicht schlief. Horrornächte, die einen an den Rande der Verzweiflung bringen kenne ich zu gut. Dein Baby schläft nicht? Ich erzähle dir, wie wir das geschafft haben.

Falsche Erwartungen an den Schlaf

Als schwangere Frau im Nestbautrieb begegneten mir, wie auch vermutlich vielen anderen Frauen, die zahlreichen Babybetten, Wiegen und Beistellbetten in allen vorstellbaren Varianten. Die große Auswahl und die damit verknüpfte Botschaft, dass Eltern diese Dinge unbedingt benötigten, suggerierten mir ein deutliches „Das brauche ich!“. Mein Mann und ich kauften also in guter Eltern Manier ein Babybett für später, wenn das Baby ein Jahr alt ist und ein Beistellbett für die ersten Monate. Mir erschienen diese Anschaffungen wirklich sehr sinnvoll. Sehr sehr sinnvoll. Rückblickend waren sie wahrscheinlich das unnötigste, was ich jemals für mein Kind gekauft habe und auch Treiber unserer miserablen Schlafsituation.

Als mein Sohn geboren war und wir unsere erste Nacht im Krankenhaus miteinander verbrachten, zerriss es dann mein Herz. Da einer seiner Blutwerte kritisch war, sollte er am besten durchgängig im Wärmebett liegen und mithilfe eines Monitors überwacht werden. Der Monitor war mit einer Sonde an seinem Fuß verbunden und lieferte den Ärzten Erkenntnisse über seine Vitalwerte, wie Sauerstoffzufuhr und Herzschlag. Die romantische Vorstellung vom Familienzimmer mit dem Beistellbett neben mir, meinem Baby selig schlummernd darin, hatte sich in wenigen Stunden in Luft aufgelöst. Stattdessen sollte mein Kind nun 1,5 Meter von mir entfernt in einem Glaskasten liegen und ich mich daneben ausruhen. Alles in mir schrie, weil es sich so falsch anfühlte.

Die Unsicherheit in mir rang mit meinen mütterlichen Instinkten und schließlich, nach einer furchtbaren Nacht, sprach ich eine Krankenpflegerin auf die Situation an. Die Mischung aus Glück, da der Zustand meines Kindes nicht so kritisch war und Mut, die Pflegerin darauf anzusprechen, führte dann dazu, dass mein Sohn die restliche Zeit im Krankenhaus nur noch auf mir oder meinem Mann lag. Das Beistellbett nutzten wir nur, wenn er gerade tief schlief und wir frühstückten. Ansonsten kam es uns beiden nicht mehr in den Sinn ihn abzulegen. Mein Baby schläft nicht – das kam mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Sinn…

Mein Baby schläft nicht (mehr)!

Ein Neugeborenes ist nach der Geburt sofort darauf ausgerichtet, seine Eltern immer nahe bei sich zu behalten. Die meisten Kinder quittieren daher die Versuche ihrer Eltern sie in ein Bettchen zu legen mit vehementem Schreien, bis diese sie wieder aufnehmen. Bis heute hält sich in vielen Köpfen noch die Überzeugung, dass Babys dies absichtlich tun würden und ihre Eltern nur lernen müssten, wie sie ihrem Kind dieses Verhalten abgewöhnen.

Entstanden sind Schlaftrainings, Coachings und Schlaflernprogramme, die müden Eltern versprechen bald nicht mehr so müde zu sein. Ich möchte nicht näher darauf eingehen, was diese Programme versuchen und wieso sie einer Beziehung drastischen Schaden zufügen können. Das kannst du in meinem Blogartikel „Schlaftraining stoppen!“ nachlesen. Der Artikel hilft dir dabei, wenn du denkst dein Baby schläft nicht.

Ich bin jetzt ganz ehrlich zu dir und ich hoffe, dass du mich dafür nicht verurteilst (das sollten wir uns nämlich unter Müttern dringend mal abgewöhnen, finde ich!). Als mein Sohn nämlich etwa 6 Monate alt war, hatten wir echte Horrornächte. Nächte, die machen, dass du vor Müdigkeit am nächsten Tag keine geraden Gedankengang mehr produzieren kannst. Ich ging echt am Stock.

Das Problem war bei uns nicht besonders aussergewöhnlich und kommt dir sicher bekannt vor: unser Sohn brüllte sich die Seele aus dem Leib, wenn Papa ihn begleiten wollte und bei mir brauchte er mindestens eine Stunde, eher länger, um überhaupt einzuschlafen. Schaffte ich es ihn abzulegen, dann war er spätestens nach 30 Minuten wieder wach und alles ging von vorne los. So weit, so bekannt – nicht wahr?

Als ich an diesem Punkt war und sich unsere Nächte über mehrere Wochen kein bisschen verbesserten, wollte ich etwas ändern. Ich konnte nicht mehr! Statt besser, wurden die Nächte teilweise sogar schlimmer. Unser Sohn wurde nachts, obwohl er bei uns lag, jede Stunde wach und hatte zwischen 1 und 3 Uhr gerne eine Wachphase. Ich war durch. Also googlete ich, wie man das als Mama eben so tut und stieß auf eine Seite, die mir ein durchschlafendes Kind in drei Wochen versprach. Drei Wochen? Ich könnte in drei Wochen endlich wieder schlafen? Das geht? Ich konnte es ehrlich nicht glauben, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar im Ansatz was von Schlaftrainings gehört, aber noch keine Ahnung über kindlichen Schlaf, Beziehungsverhalten von Kindern oder irgendetwas ähnlichem, dass mir helfen konnte.

Ich war verzückt und gleichzeitig skeptisch. Denn, ohne zu wissen warum, kam mir dieses Versprechen unseriös vor. Wie kann man jeder verzweifelten Mutter das gleiche Versprechen machen? Ohne die Familie, das Kind zu kennen? Tja und dann hing da auch noch ein Preisschild dran – Halleluja! 800 Euro für ein Schlaftraining von 2 Stunden? Echt jetzt?

Na ja, Ende vom Lied war, dass ich das Training nicht buchte, weil ich nicht völlig überzeugt war und mich der Preis abschreckte. Rückblickend, mit all dem Wissen, das ich jetzt habe, bin ich heilfroh über mein Bauchgefühl. Es hat unseren Sohn und uns vor einer traumatischen Erfahrung bewahrt.

Nach diesem Ausflug ins Internet war ich also kein bisschen klüger, aber auch nicht ärmer – immerhin. Da mein Zustand, sowie unsere Nächte sich aber auch nicht verbessert hatten dadurch, war mir irgendwie klar, dass ich selbst aktiv werden musste.

Team „No sleep“ Bootcamp

Ich rekapituliere nochmal: unser Sohn war zu diesem Zeitpunkt 6 Monate alt, wir schliefen kaum bis gar nicht, er weinte viel, mein Mann konnte mich nicht wirklich unterstützen – wir waren am Ende und eine Besserung nicht in Sicht. Zu allem Übel musste ich nun auch noch dringend operiert werden und war für mindestens drei Nächte abwesend. Danach auch nicht gleich wieder voll einsatzfähig.

Wir wurden mit dieser Operation ins kalte Wasser geworfen, mein Mann wuppte es zu Hause mit Kind und die Nächte verliefen tatsächlich nicht so dramatisch, wie wir erwartet hatten. Das war mein Anstoß. Ich konnte nicht richtig einordnen, warum es ohne mich doch einigermaßen klappte, wo das vorher nie ging.

Ich las alles, was ich über Bindung, kindlichen Schlaf, Schlaf von Erwachsenen, Entwicklungsprozesse im Kind, Erziehung und so weiter finden konnte. Bis dato hatte ich noch nichts von Jesper Juul oder Alfie Kohn gehört und begann in dieser Zeit erst zu begreifen, wie mein Kind eigentlich tickte. Ich will nicht sagen, dass es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel und unser Kind von da an immer schön durchschlief (Haha!), aber es ging MIR besser.

Mit jedem Häppchen an Wissen ging es mir besser. Ich konnte plötzlich einordnen, was da passierte. Warum unser Sohn sich verhielt, wie er sich verhielt. Was er für eine Begleitung brauchte und was ihn eher unruhiger machte. Ich hatte verstanden, wieso er mich bevorzugt, aber Papa okay ist, wenn ich nicht da bin. Es hatte ganz leise Klick gemacht.

Unsere Abendroutine

In den nächsten Wochen veränderten wir unsere Routinen. Bisher hatten wir krampfhaft versucht an den Routinen unseres Alltags ohne Kind festzuhalten, was aber kläglich scheiterte und uns frustrierte. Ich verstand, dass wir uns besser aufteilen mussten, um Ressourcen zu sparen und uns gegenseitig zu entlasten. Nach Nächten, die zu wenig Schlaf führten, machte ich lange Spaziergänge mit Hund und Kind, ließ den Haushalt dafür liegen. Mein Mann, der zu diesem Zeitpunkt noch jeden Tag 1,5 Stunden pro Fahrt ins Büro musste, stand morgens um 5 auf und war bis 17 Uhr nicht verfügbar. Ich musste das also alleine stemmen und es ging (auch wenn ich es mir oft anders gewünscht hätte).

Auch unsere Abendroutine gestaltete ich um. Da wir unser Schlafzimmer unter dem Dach haben und das Kinderzimmer eine Etage tiefer ist, mussten wir ein bisschen improvisieren. Wir haben, als er so vier Monate alt war, immer versucht ihn auf dem Arm einschlafen zu lassen, sind dann aufgestanden und kämpften darum, dass er beim Ablegen im Bett nicht aufwacht. Trefferquote: 50%, wenn es gut lief.

Das war ganz offensichtlich ungünstig und führte zu ewig langen Einschlafbegleitungen. Also legte ich mich zusammen mit Kind in unser großes Bett, ein Stillkissen und die Decke als Rausfallschutz drapiert und ließ ihn auf der Matratze liegend einschlafen. Mein Arm lag um ihn herum, er konnte sich an mich ankuscheln und beim Rausschleichen wurde er nicht durch den Ortswechsel geweckt. Diese kleine Veränderung führte zusammen mit kabellosen Kopfhörern zu einer 150%igen Verbesserung unserer Abende. So einfach und so gut. Ich ärgere mich heute noch, dass ich es monatelang anders probiert habe…

Schläft er schon durch?

Mittlerweile ist unser Sohn fast drei Jahre alt und an unserer Schlafroutine hat sich nicht viel verändert. Wir essen gemeinsam Abendbrot (oder er isst alleine und wir leisten ihm Gesellschaft), dann lesen wir Bücher vor. Anschließend werden die Zähne geputzt, der Schlafanzug angezogen und er darf sich noch ein bis zwei Geschichten aussuchen. Dann gehen wir zusammen hoch in unser Bett (mein Sohn und ich schlafen zusammen, mein Mann unten im Kinderbett) und er trinkt noch etwas. Dann legen wir uns hin, halten Händchen und er schläft meist innerhalb von 10-30 Minuten ein.

Da wir nie Druck aufgebaut haben rund um das Schlafengehen und uns bemühen seine Signale gut zu lesen, läuft es zu 99% entspannt ab. Aber natürlich schläft er deshalb noch nicht regelmäßig von 19 Uhr bis 6 Uhr durch. Meistens wird er noch einmal gegen 21 Uhr wach, schläft recht zügig wieder ein und die restliche Nacht, wenn ich daneben liege, verläuft ruhig. Ausnahmen bestätigen die Regel, denn selbstverständlich haben wir auch immer wieder unruhigere Nächte mit Wachphasen. Aber diese machen nur noch einen geringen Prozentsatz aus.

Hilfsmittel für ruhigere Nächte

Du hast jetzt bis hierhin gelesen (danke dafür!) und fragst dich vielleicht, was du daraus für euch lernen kannst. Ich möchte dir gerne dabei helfen eure Nächte entspannter zu gestalten, sodass ich dir meine Top 4 der besten Tipps für ruhige Nächte unbedingt mitgeben will.

Platz 4: Tagesstruktur anpassen.

Wir alle haben so Tage an denen sind wir nicht auf der Höhe. Trotzdem versuchen wir krampfhaft das komplette Programm abzuspulen. Das führt oft zu Streit, Stress und Heulkrämpfen (been there, done that). Mir hat es geholfen zu überlegen, was ich an schlechten Tagen für Verpflichtungen weglassen kann und mir stattdessen gut tut. Bei mir waren es Spaziergänge mit Hund und Kind, statt Haushalt. Und die Badewanne, wenn mein Mann dann da war, anstatt vor dem Fernseher zu hängen. Was ist es bei dir?

Platz 3: Schlafumgebung analysieren

Wir haben monatelang versucht ein schlafendes Baby vom Arm ins Babybett zu verfrachten und sind gescheitert. Für das Baby ist das auch wirklich maximal blöd, denn es fühlt sich auf deinem Arm sicher und beschützt, es ist warm und kuschelig. Und dann legen wir es plötzlich ins kalte Babybett und wollen gehen. Kein Wunder, dass da alle Alarmglocken sofort angehen. Statt daran krampfhaft festzuhalten, haben wir die Einschlafsituation angepasst. Bei euch gibt es sicherlich auch etwas, das du an der Schlafumgebung verändern kannst.

Platz 2: Mach es dir schön!

Ich bin leider viel zu spät auf die Idee gekommen, dass ich mir die Einschlafbegleitung selbst auch schön machen könnte. Wieviele Stunden habe ich genervt und verzweifelt neben meinem Baby gelegen, das einfach nicht einschlafen wollte. So sinnlos! Die beste Investition meines Lebens mit Kind waren daher kabellose Kopfhörer. Je nach Stimmung höre ich neben bei eine Serie, einen Podcast, ein Hörbuch, Musik oder eine Meditation. Einschlafbegleitung ist meine Me-Time geworden und ich habe mich plötzlich sogar darauf gefreut.

Platz 1: Unrealistische Erwartungen weglassen

Ich habe wirklich keine Ahnung woher der Aberglaube stammt, dass ein Baby mit einem Jahr plötzlich super gut schläft. Oder mit sechs Monaten oder mit 15,76868. Diese Gedanken, dass ich ja nur noch durchhalten muss bis zu Tag X haben mich echt irre gemacht. Sie verhindern nämlich, dass wir nach Lösungen in der aktuellen Situation suchen. Stattdessen ist unser Gehirn damit beschäftigt auf die Verbesserung der Situation in der Zukunft zu warten. Dumm, wirklich dumm von mir und eine Menge vergeudeter Lebenszeit. Ich hoffe, dass du nicht den gleichen Fehler machst wie ich und dich in der Akzeptanz der Dinge übst, die wir nicht ändern können und die Dinge veränderst, die du beeinflussen kannst.

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