Die Autonomiephase: Ihr fragt, ich antworte

Auf meinem Instagram Kanal @sina.fricke habe ich in der letzten Woche viele Fragen rund um die Autonomiephase erhalten. Einige konnte ich bereits kurz beantworten, andere sind offen geblieben. In diesem Beitrag findet ihr nochmal eure häufigsten Fragen inklusive meiner Antworten zusammengefasst.

Was ist die Autonomiephase?

In der Autonomiephase, allgemeinsprachlich auch unter „Trotzphase“ bekannt, finden bei Kleinkindern weitreichende Entwicklungsschritte statt. Insgesamt trägt sie einen erheblichen Teil dazu bei, dass ein Kind sich aus der symbiotischen Beziehung mit seiner Hauptbezugsperson heraus bewegt. Wichtige Meilensteine in Richtung Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und Emotionsregulation werden unter entsprechenden Rahmenbedingungen vom Kind erreicht. Am Ende der Autonomiephase hat das Kind im Idealfall eine starke Ich-Identität entwickelt, ist altersentsprechend in der Lage die eigenen Emotionen zu regulieren, Frust in gewissen Maßen auszuhalten und die eigenen Impulse zu kontrollieren. Aus einem Baby, welches die eigene Identität noch stark durch die engsten Bezugspersonen definiert, entfaltet sich so eine eigene, ganz individuelle kleine Persönlichkeit.

Wann findet die Autonomiephase statt?

Diese Phase beginnt meist im zweiten Lebensjahr des Kindes und kann bis zum fünften Geburtstag anhalten. Wie lange und wie intensiv die Autonomiephase ausfällt, ist individuell verschieden und von äußeren Bedingungen abhängig.

Kann es sein, dass sie nicht so stark ausbricht, wenn das Kind viel Raum für Autonomie zugesprochen bekommt?

Ja und nein ist hier die richtige Antwort.

Ja, Eltern können ihre Kinder in dieser Entwicklungsphase dadurch unterstützen, in dem sie ihnen Raum für die Erkundung ihres eigenen Willens lassen. Andererseits ist aber auch die Erfahrung von Frustration, die Begleitung des Frusts durch Eltern und daraus resultierend ein positives Gesamterlebnis mit eben diesem Frust von großer Bedeutung für die Entwicklung der Frustrationstoleranz, Resilienz und Emotionsregulation.

Nein, denn natürlich gibt es, wie immer im Leben, große individuelle Unterschiede zwischen Kindern. So ist dein Kind vielleicht sehr gefühlsstark und erlebt, trotz viel Raum für Autonomie, häufige Gefühlsstürme. Das Kind deiner Nachbarin aber ist insgesamt eher ruhiger und kann eng gesteckte Räume für Autonomie entsprechend gut aushalten. Die Anzahl der Gefühlsstürme sagt jedoch nichts über die Qualität der Autonomiephase oder über die elterlichen Fähigkeiten aus.

Wie reagiere ich auf das Bedürfnis etwas selbst zu machen, wenn es gefährlich ist?

Wie immer im Alltag mit Kindern, steht der Schutz dieser an oberster Stelle. Als Eltern sind wir immer in der Position entscheiden zu müssen zwischen „Das ist zu gefährlich“ und „Das ist okay“.

Darüberhinaus gibt es aber natürlich immer die Möglichkeit Kompromisse zu finden. Wenn es für das zweijährige Kind noch zu gefährlich ist mit der großen, scharfen Schere zu basteln, dann gibt es vielleicht eine kleinere Zickzackschere in eurem Haushalt? Oder ihr stanzt stattdessen Löcher aus, reißt das Papier mit den Händen klein usw. Oftmals ist im Alltag unsere Kreativität gefragt, wenn Kinder ihren Wunsch nach Autonomie und Selbstwirksamkeit äußern und es auf den ersten Blick so scheint, als könnten wir diesen nicht erfüllen.

Aber natürlich gibt es auch Situationen, da will dein Kind partout deine Alternativen nicht annehmen oder dir fallen keine ein. Dann ist es auch okay, den Frust deines Kindes einfach zu begleiten.

Mein Kind wirft mit Gegenständen oder haut, wenn es etwas nicht darf. Wie gehe ich damit um?

Um die Reaktion deines Kindes nachvollziehen zu können, ist es wichtig den Frust Kreislauf zu verstehen. Jedes Kind wird nämlich täglich mit jeder Menge Situationen konfrontiert, die es frustrieren. Wo es etwas nicht darf, etwas noch nicht kann oder einfach sehr viel kooperieren muss. All das füllt Tag für Tag den Frustrationstank deines Kindes. Wie bei jedem Tank, ist der jedoch irgendwann voll, wird er nicht regelmäßig kontrolliert abgelassen. Was passiert, wenn etwas übervoll ist? Richtig, es läuft über!

Dein Kind ist also irgendwann so frustriert, dass diese eine Sache, dieses eine Nein deinerseits, sein Fass zum Überlaufen bringt. Da dieses Überlaufen immer unkontrolliert abläuft, haut dein Kind, kratzt, schreit, wirft Gegenstände oder oder oder. Aus Frustration wird Aggression.

Ist das Fass erstmal übergelaufen, sind wir als Eltern in der Position diesen Gefühlssturm zu begleiten. Also die Gefühle und Reaktionen deines Kindes aushalten (immer mit der Prämisse euch alle zu schützen dabei), es aufzufangen und am Ende der sichere Hafen zu sein, in dessen Armen geweint werden darf.

Präventiv ist es sicher sinnvoll zu schauen, mit viel Frust dein Kind konfrontiert ist, ob es mehr Möglichkeiten zur Autonomie gibt und wie ihr den Frust in geregelten Bahnen immer wieder abfließen lassen könnt.

Wenn du mehr zu diesem Frust-Kreislauf, dem Umgang mit kindlicher Aggression und dem Abfließen Lassen des Frusts erfahren möchtest, dann melde dich für mein Seminar „Kinderjahre“ an.

Wie unterscheide ich zwischen Konsequenz und Strafe?

In diesem Blog Beitrag habe ich ausführlich beschrieben, wie eine Erziehung ohne Strafen funktionieren kann. Grundsätzlich werden die Begriffe Konsequenz und Strafe oft für den gleichen Sachverhalt eingesetzt. Nämlich, dass ein Elternteil das Kind schimpft und mit etwas als Folge des unerwünschten Verhaltens droht. Beispiel: „Wenn du nochmal deine Schwester haust, dann gibt es heute Abend keine Folge deiner Lieblingssendung mehr!“

Der Begriff Konsequenz wird von Eltern gerne benutzt, weil er netter klingt als Strafe. Tatsächlich benötigen kleine Kinder aber schon Konsequenz in ihrem Leben. In Form unseres konsequenten, eigenen Verhaltens. Damit der Unterschied deutlicher wird, spreche ich lieber von elterlicher Führung. Das heißt Eltern führen ihre Kinder, in dem sich ihrer Macht bewusst sind, diese angemessen einsetzen und gleichzeitig flexibel bleiben, um auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen zu können.

Was mache ich, wenn mein Kind mich provoziert?

Eltern fühlen sich oft provoziert, wenn ihre Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr kooperieren und scheinbar absichtlich das Gegenteil von dem tun, was sie sagen. Ich möchte jetzt gar nicht lange erörtern, dass Kinder nicht aktiv provozieren, sondern man sich als Eltern nur provoziert fühlt. Viel lieber möchte ich dich auf den Umstand hinweisen, warum sich dein Kind so verhält. Denn unsere Kinder sind wahnsinnig klug, alles in ihnen ist darauf aus die Beziehung zu ihren wichtigsten Personen aufrechterhalten. Und das immer! Mit dieser Grundhaltung kannst du nun nochmal einen Perspektivwechsel machen und mit der neuen Brille auf dein Kind schauen. Dann wird dir nämlich klar werden, dass dein Kind dir etwas zeigen möchte.

Gegenwille, also das Nicht-mehr-machen-was-Mama-und-Papa-sagen, ist ein Anzeichen für Bindungsbedürfnisse. Dein Kind signalisiert dir damit, dass es nun deine Führung, deine Zuneigung, Nähe, Wertschätzung usw. braucht, um wieder in Gleichgewicht zu finden. Sehr häufig tritt dieser Gegenwille extrem auf, wenn Kinder viel mehr kooperieren müssen, als sie autonom handeln dürfen oder wenn sie mit sehr viel mehr Trennung von ihren Bezugspersonen konfrontiert sind, als sie gerade aushalten können.

Die Reaktion von Eltern sollte daher immer in einem Weniger an Fordern und einem Mehr an Geben resultieren.

Mein Kind sagt immer nur Nein. Was kann ich noch tun?

Die Autonomiephase ist die Phase der Abgrenzung. Die Phase im Leben eines Kindes, in der es sich einen großen Schritt von seinen Bezugspersonen entfernen möchte. Ein „Nein“ ist die direkteste und einfachste Form der Abgrenzung. Du willst etwas? Gut, dann will ich das nicht. Mein Rat an dich: akzeptiere das Nein deines Kindes als wichtig und wertvoll. So schwer es dir fällt und so anstrengend es im Alltag oft ist, ist das Nein deines Kindes heilig. Wir Eltern sollten es sehr viel mehr würdigen, als wir tun. Zeitgleich ist es vollkommen okay, dass du deine Bedürfnisse auslebst. Zeig deinem Kind, dass sein Nein zum Müsli nicht auch ein Nein für dich heißen muss. Du darfst und solltest bei dir bleiben und so der Anker in diesem wilden Meer der Autonomie für dein Kind sein.

Ein zweiter Aspekt, den ich kurz anschneiden möchte, ist die Bindung. Kinder können immer nur mit uns kooperieren, wenn die Bindung zwischen uns aktiv ist. Bevor du also das nächste Mal etwas von deinem Kind einforderst, stelle erstmal wieder den Draht zwischen euch her. Das geht durch Augenkontakt, Berührung, Lächeln und Nicken. Hast du ein Kind, dass dir in die Augen sieht, strahlt und zustimmend nickt? Super, dann kannst du jetzt dein Anliegen vorbringen.

Wie überstehe ich diese Zeit ohne wahnsinnig zu werden?

Bei allem Verständnis für das eigene Kind ist die Autonomiephase für Eltern oft sehr anstrengend. Das macht dich nicht zu einer schlechten Mama, es zeigt dir aber vielleicht etwas auf, wo du genauer hinsehen kannst.

Gerätst du schnell selbst mit in die Wut, wenn dein Kind wütend wird? Dann kann es sein, dass dich das Verhalten deines Kindes an eigene Erfahrungen in deiner Kindheit oder Jugendzeit erinnert. Oft können wir uns an diese Erlebnis nicht mehr bewusst erinnern, aber unser Unterbewusstsein speichert diese Erinnerungen ab. Falls du da näher hinschauen möchtest, kannst du dich zum Beispiel mit der inneren Kind Arbeit auseinandersetzen.

Vielleicht fühlst du dich auch oft körperlich und geistig erschöpft? In diesem Zustand wird es natürlich immer schwieriger dein Kind noch entspannt zu begleiten – ganz klar. Wie wäre es dann, wenn du ab Morgen anfängst dir jeden Tag mindestens 2-3 mal am Tag für zunächst maximal 5 Minuten bewusste Momente für dich zu schaffen? Während dieser Inseln kannst du tun, was immer dir gut tut. Kurze Meditationen, Atemübungen, dir etwas schönes zu essen anrichten, ein paar Yogaübungen, wild abtanzen, laut zu deiner Lieblingsmusik singen oder zwei Seiten in einem Buch lesen. So kannst du dich langsam und schrittweise wieder daran gewöhnen deine Akkus aufzuladen und selbstwirksam zu werden. Genau wie dein Kind, hast nämlich auch du ein Bedürfnis nach Autonomie.

Noch mehr Fragen?

Das waren einige der häufigsten eurer Fragen rund um die Autonomiephase und ich hoffe du hattest einige Aha-Momente. Wenn du mehr Fragen an mich hast, dann schreib sie mir unbedingt in die Kommentare und wenn du dein Kind durch die Autonomiephase begleiten möchtest ohne wahnsinnig zu werden, dann melde dich jetzt noch für mein Onlineseminar am 25. Februar an.

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