Selbstliebe bei Kindern: Wie können Eltern sie stärken?

Mein Sohn ist 2,5 Jahre alt und ich habe mich schon oft gefragt, wie ich ihm eigentlich wirklich zeigen kann, dass er okay ist ohne dafür etwas tun zu müssen. Ich selbst denke nämlich nicht immer so über mich und glaube, dass es eng damit zusammenhängt, was wir von unseren Eltern vorgelebt bekommen. Kindern Selbstliebe beizubringen sollte also viel mehr heißen: Wie lebe ich meinem Kind vor, dass es sich selbst gut finden darf? Immer und jederzeit.

Kinder finden sich am Anfang immer gut

Hast du dein kleines, zufriedenes Kind im Alter zwischen einem und drei Jahren mal beobachtet? Wenn man Kleinkinder genau betrachtet, fällt einem auf, dass die sich noch richtig gut finden. Einfach so, ohne dafür irgendeine Übung machen zu müssen oder sowas. Die sind immer bei sich, voll in ihrem Element und stellen sich nicht in Frage. Wie kommt es dann dazu, dass ältere Kinder oder wir Erwachsene oft so große Probleme mit uns haben?

Selbstliebe entsteht in der Kindheit

Die Grundlage unserer Selbstliebe, oder besser gesagt Selbstwert, entsteht in den ersten drei Lebensjahren. Je nachdem welche Erfahrungen Kinder in dieser Zeit mit ihren engsten Bezugspersonen sammeln und wie dieses engste Umfeld auf ihre kindlichen Bedürfnisse reagiert, entwickelt sich ihr inneres Verständnis von sich selbst.

Sichere Bindung

Kinder brauchen Bezugspersonen, bei denen sie sich sicher und geborgen fühlen. Die auf ihre Signale eingehen und versuchen herauszufinden, welche Bedürfnisse sie haben. Die ihnen Schutz bieten, Anker und sicherer Hafen sind. Sie brauchen das Gefühl, dass sie sich auf ihre Erwachsenen verlassen können und immer jemand da ist, wenn sie ihn brauchen.

Bedingungslose Liebe

Jedes Kind möchte das Gefühl haben, dass seine Bezugspersonen es lieben, egal was es tut. Diese Basis sollte unerschütterlich sein und nicht durch Bedingungen aufgeweicht werden. Typische Erziehungsmethoden, wie verhaltensorientierte Strafen sind kontraproduktiv.

Autonomie

Spätestens in der Autonomiephase merken die meisten Eltern deutlich, dass ihr Kind ein Bedürfnis danach hat sich selbst zu entfalten. Auch für die Entwicklung des Selbstwerts ist es entscheidend, dass ein Kind merkt, das seine Eltern ihm diesen Freiraum lassen und Autonomiestreben nicht unterdrücken. Kann ein Kind in der Autonomiephase ein Ich-Bewusstsein entwickeln, dann wirkt sich dies positiv auf Selbstliebe und Selbstwert aus.

Respektvoll behandelt werden

Kinder verdienen unseren Respekt zu jeder Zeit. Das bedeutet nicht, dass Eltern ihren Kindern immerzu alles erlauben müssen, aber wir sollten ihre Wünsche hören und anerkennen. Ein Kind, welches die Erfahrung macht, dass Eltern auf ihre Gedanken, Gefühle oder Wünsche abwertend reagieren, verinnerlicht vielleicht, dass es diesen Respekt nicht verdient hat.

Sich kompetent erleben

Kinder, bei denen immer nur die Fehler kommentiert und gesehen werden, lernen nicht, dass sie kompetent sind. Sie werden durch das fehlende positive Feedback ihrer wichtigsten Bezugspersonen in ihrer Kompetenz irritiert und trauen sich weniger zu, als Kinder bei denen Eltern den Fokus auf die positiven Seiten richten.

Die eigenen Meinungen und Gefühle ausdrücken

Unsere Kinder befinden sich permanent im Austausch mit uns und fordern unser Feedback ein. Als Eltern haben wir daher großen Einfluss darauf, ob unser Kind das Gefühl hat, es kann seine eigene Meinung und seine Gefühle vor uns ausdrücken und zeigen.

Machen Kinder nun in dieser sensiblen Phase ihrer Kindheit positive Erfahrungen im oben genannten Kontext, stärkt das ihre Selbstliebe und den Selbstwert. Mehrheitlich negative Erfahrungen wirken sich entsprechend negativ auf ihre Selbstliebe aus.

Selbstliebe wird immer wieder auf die Probe gestellt

Darüberhinaus wird unsere Selbstliebe aber nicht nur durch Kindheitserfahrungen beeinflusst, sondern immer wieder auf die Probe gestellt. Die Pubertät, die erste große Liebe, Trennungen von Partnern, zerbrechende Freundschaften, Familienkonflikte, Erfolge und Misserfolge im beruflichen Kontext und die Wahl unseres engsten Umfelds wirken auf das Bild, welches wir von uns selbst haben, ein. Es gibt also zwei große Einflussfaktoren auf die Fähigkeit sich selbst zu lieben und wertzuschätzen:

Die Beziehung zu den Eltern und deren Erziehung, sowie traumatische Erlebnisse. Den größten Einfluss haben wir als Eltern auf den ersten Einflussfaktor, wohingegen wir für die Bewältigung des zweiten lediglich die Grundlage schaffen können.

Wie bringe ich meinem Kind Selbstliebe bei?

Die Antwort auf diese Frage beginnt also in uns Eltern und in der Reflexion über unsere Ansichten zu unseren Kind sowie uns selbst. Ich möchte dir ein paar Anregungen mitgeben, die ich selbst in unserem Familienalltag einsetze oder mir mit der Zeit angeeignet habe.

Erziehungsansichten überdenken

Ich habe auf meinem Blog schon öfter darüber geschrieben, wie wir bei unserer Erziehung beeinflusst werden. Die autoritäre Erziehung, die so viele Erwachsene unserer Generation noch in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben, hat selbstverständlich ihre Spuren hinterlassen. Auch wenn ich meine Eltern sehr liebe, so gibt es doch einige Dinge, die ich gerne anders machen möchte und die wissenschaftlichen Erkenntnissen nach, auch einen großen Einfluss auf den Selbstwert von Kindern haben.

Besonders in Ausnahmesituationen, bspw. wenn das Baby unaufhörlich schreit und sich nicht beruhigen lässt oder das Kleinkind in der Autonomiephase nur noch „Nein!“ und „Doch!“ sagt, greifen wir unterbewusst auf „Erziehungswissen“ zurück. Dieses „Erziehungswissen“ ist oft eingefärbt durch unsere eigenen Erfahrungen der Kindheit, sodass wir dazu neigen autoritäre Gedanken und Methoden weiterzuleben. Alleine die Erkenntnis, dass ich mich nicht unbedingt auf meine Intuition verlassen kann (sie zumindest hinterfragen sollte), hat mir extrem weitergeholfen. Ich habe für mich persönlich den Gedanken etabliert: „Wie hätte ich mich an seiner Stelle gefühlt?“. Dieser Satz ist wie eine Sicherheitsvorkehrung in meinem Gehirn, die dafür sorgt, dass ich innehalte und nicht sofort auf jeden Trigger reagiere.

Affirmationen einsetzen

Affirmationen sind im Grunde Sätze, die eine positive Bewertung enthalten und regelmäßig eingesetzt zu positiven Glaubenssätzen in Kindern, sowie in uns, werden können. Auf meinem Blog findest du 95 Affirmationen, aus denen du dir die passenden für euch raussuchen kannst. Ich baue meistens drei bis 5 dieser kleinen Sätze in unsere Abendroutine ein und gestalte das Aufsagen wie ein Spiel. Ich sage etwas vor, mein Sohn muss es nachsagen. Auf diese Art und Weise kannst du bereits mit einem kleinen Kind von der Macht der Affirmationen profitieren. Tatsächlich verwendet mein Sohn einige der Affirmationen („Ich kann alles schaffen.“ und „Ich bin stark.“) schon unbewusst im Alltag, wenn er mit einer Herausforderung konfrontiert ist. Und genau diese innere Überzeugung des Gut-Seins und Alles-Schaffen-Könnens möchte ich ihm damit vermitteln.

Die innere Stimme besänftigen

Hast du schonmal bei dir selbst bemerkt, dass da in deinem Kopf scheinbar mehrere Stimmen sind, die dir freundliche oder auch weniger freundliche Gedanken ins Hirn pflanzen? Nein, das hat überhaupt nichts mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun, sondern ist völlig normal. Was du da hörst, sind deine inneren Stimmen. Wir alle haben meist mehrere davon. Sie schützen uns, motivieren uns oder halten uns zurück. Oft werden diese Stimmen erst dann zu einem Problem, wenn die negative Stimme (der innere Kritiker) zu laut wird. Das führt dann dazu, dass wir uns innerlich ständig selbst fertig machen, uns demotivieren und nieder machen. Obwohl es dazu gar keinen (objektiven) Anlass gibt.

Meinen Sohn möchte ich gerne dabei unterstützen eine starke positive innere Stimme zu entwickeln. Ich habe darauf insofern Einfluss, als dass ich ihn im Alltag dazu ermutige seine Gedanken zu hinterfragen. Er sagt zum Beispiel, dass er etwas nicht alleine schafft und ich weiß genau, er ist dazu rein theoretisch in der Lage. Vielleicht kann er es nur gerade nicht sehen. Dann gehe ich ins Gespräch mit ihm und frage ihn, ob er gerade noch nicht weiß, wie er die Situation lösen soll? Oder ich frage ihn, was er bräuchte, damit er die besagte Situation lösen kann? Wenn er es dann geschafft hat, spreche ich mit ihm darüber wie es dazu kam und wie er dazu beigetragen hat.

Eigentlich eine völlig normale, wertschätzende Unterhaltung miteinander. Aber diese kurze Auseinandersetzung hilft ihm oft dabei, seine Gedanken nochmal neu einzuordnen und beim nächsten Mal vielleicht nicht gleich aufzugeben oder schlecht von sich zu sprechen.

Selbstliebe ist wertvoll

Du merkst schon, Selbstliebe ist ein echt komplexes Thema und ich könnte dir dazu noch so viel mehr erzählen. Aber ich glaube tatsächlich, dass es sinnvoll ist, diese Informationen erstmal sacken zu lassen und in eurem Familienalltag zu schauen. Wie kannst du dein Kind dabei unterstützen? Wie sieht es bei dir mit der Liebe für dich selbst aus? Was kannst du für dich tun? Wenn ich dich zu etwas Reflexion über Selbstliebe bei dir und deinem Kind anregen konnte, dann freue ich mich darüber jedenfalls sehr.

Teile deine Ideen die Selbstliebe bei Kindern zu stärken unbedingt in den Kommentaren. Ich freue mich darauf sie zu lesen.

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