Wie uns schwarze Pädagogik prägt

Kinder sind böse. Das könnte man zumindest annehmen, wenn man Erwachsene und ihre Äußerungen sowie den Umgang mit eigenen oder fremden Kindern beobachtet. Kinder werden als Tyrannen betitelt, sie trotzen gegen uns oder sind unglaubliche Zicken. Doch warum empfinden viele Menschen das heute noch so? Was quält uns an unseren Kindern so sehr, dass wir gerne nur das Böse im Kind sehen? Gibt es dafür Gründe? Beschäftigt man sich mit diesen Fragen und der Herkunft unseres negativen Kinderbildes, dann stößt man unwillkürlich auf die schwarze Pädagogik.

Eine dunkle Vergangenheit und ihr Kinderbild

Eltern sein ist wohl der schwierigste, anstrengendste Job den man sich so vorstellen kann. Er belastet uns sowohl physisch als auch psychisch enorm und unsere Kinder drücken durch ihr Verhalten, ihr Sein, oft Punkte in unserer Seele, die wir lange Zeit ignoriert haben oder uns gar nicht bewusst waren. Das ergeht uns nicht nur in unserer gegenwärtig schnelllebigen, globalen Welt so. Auch Eltern früherer Generationen kämpften mit dieser Wirkung, die Kinder auf uns haben. Mitunter entstanden daraus wahnwitzige bis erschütternde Praktiken der Kindererziehung.

Einige Beispiele für düstere Instrumente der schwarzen Pädagogik sind:

  • Fallen stellen
  • Lügen
  • Verschleierung
  • Manipulation
  • Ängstigung
  • Liebesentzug
  • Isolation
  • Misstrauen
  • Demütigung
  • Verachtung
  • Spott
  • Gewaltanwendung bis zur Folter

Die schwarze Pädagogik, ein Begriff geprägt von Katharina Rutschky und weiterentwickelt von Alice Miller, beschreibt all jene Erziehungsmethoden, die darauf ausgerichtet sind mithilfe von Gewalt (psychisch oder physisch) oder Ausübung von Macht, Erniedrigung oder Erpressung den Willen von Kindern zu brechen und sie somit zu „erziehen“. Mit der Zeit der Aufklärung und spätestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts, erlebten diese brachialen Erziehungsmethoden ihre Blütezeit. Zugrunde lag ihnen allen der Glaube an ein bösartiges Wesen der Kinder und die fast wahnhafte Überzeugung davon, dass man Kinder nach Belieben dressieren könne wie Zirkustiere.

Das Ziel schwarzer Pädagogik

„Die ersten Jahre haben unter anderem auch den Vorteil, dass man da Gewalt und Zwang
gebrauchen kann. Die Kinder vergessen mit den Jahren alles, was ihnen in der ersten Kindheit begegnet ist. Kann man da den Kindern den Willen nehmen, so erinnern sie sich hiernach niemals mehr, dass sie einen Willen gehabt haben.“

Johann Georg Sulzer (1748): „Versuch von der Erziehung und Unterweisung der Kinder“

Das Ziel dieses furchtbaren Umgangs mit Kindern in allen gesellschaftlichen Bereichen, war dabei immer einfach: Kinder sollten zu gehorsamen, ruhigen, folgsamen Erwachsenen erzogen werden.
Es war oberste Priorität ein gesellschaftliches Über-Ich zu installieren, welches der Triebabwehr diente. Unter Trieben kann der Einfachheit halber alles verstanden werden, was den Menschen als solches auszeichnet: Liebe, Leidenschaft, generell Emotionen, Eigenwille, Selbstgefühl usw. All dies sollte durch eine möglichst strenge und harte Erziehung unterdrückt, verdrängt und am besten niemals durch die Kinder erlebt werden. Denn was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen oder?

Ich rate also allen denen, die Kinder zu erziehen haben, daß sie die Vertreibung des Eigensinns und der Bosheit gleich ihre Hauptarbeit sein lassen und so lange daran arbeiten, bis sie zum Ziel gekommen sind. Man kann, wie ich oben bemerkt habe, unmündigen Kindern nicht mit Gründen beikommen; also muß der Eigensinn auf eine mechanische Weise vertrieben werden, und hierfür gibt es kein anderes Mittel, als daß man den Kindern den Ernst zeigt.

Johann Georg Sulzer (1748): „Versuch von der Erziehung und Unterweisung der Kinder“

Auswirkungen schwarzer Pädagogik

Wer jetzt denkt, all dies ist doch schon verdammt lange her und hat mit unserer Gegenwart nichts zu tun – den muss ich enttäuschen. Die Folgen dieses jahrhundertelang anhaltenden negativen Bildes von Kindern wirkt sich auch heute noch aus. In jedem von uns.
Klar, physische Gewalt wenden heute nur noch wenige Eltern zur Erziehung ihrer Kinder an. Aber was ist mit den anderen Merkmalen schwarzer Pädagogik? Mit Machtausübung? Erpressung? Drohungen? Psychischer Gewalt? Liebesentzug? All diese Methoden lassen sich auch heute noch in vielen Familien vorfinden und werden weiterhin in zahlreichen Erziehungsratgebern propagiert.
Das kommt nicht von ungefähr.

Beispiele für diese veralteten Erziehungsmethoden sind:

  • der Klaps auf den Po
  • Auszeiten, wie ins Zimmer schicken oder auf einen Stuhl setzen bis man wieder angesprochen wird
  • Drohungen, wie „Wenn du jetzt nicht …, dann …!“
  • Erpressung, wie „Wenn du jetzt artig bist, dann gibt es danach ein Eis.“
  • Liebesentzug, wie „Mama hat dich aber nicht mehr lieb, wenn du das machst.“
  • Demütigung, wie „Ach das hat doch gar nicht weh getan, hör auf zu weinen!“
  • Ängstigung, wie „Warte nur bis Papa nach Hause kommt!“

Die Erklärung für die andauernde Präsenz schwarzer Erziehungsmethoden ist schnell gefunden: der Mensch lernt durch Erfahrung. Dabei ist die einzige Erfahrung die mit Erziehung gesammelt wurde bei den meisten ausschließlich die eigene Erziehung durch die eigenen Eltern. War diese jedoch geprägt durch einen autoritären Stil, also verbunden mit Strafen, Drohungen und vor allem dem Ziel das Kind zu einem „guten Erwachsenen“ zu machen, dann sind wir geneigt auf diese Erfahrung zurückzugreifen und sie ebenso an unsere eigenen Kinder weiterzugeben. Durch diese Spirale der Wiederholung ist schwarze Pädagogik keinesfalls aus den Kinderzimmern verschwunden. Im Gegenteil erlebt sie immer wieder neue Blütezeiten, wenn neue Experten (die scheinbar auch auf schlechte Erfahrungen mit Erziehung zurückgreifen können) neue Erziehungsmethoden erfinden und predigen.

Notausstieg: Liebe

„Plötzlich tragen wir die Verantwortung dafür, dass unsere Kinder liebevoll aufwachsen können und nicht den selben Dämonen verfallen, wie wir es sind.“

Sina Fricke

Wo ist nun also der Notausstieg aus dieser gesellschaftlichen Spirale schrecklicher Erziehungskatastrophen? Die Antwort ist ganz einfach. Jeder von uns kann jederzeit seine persönliche schwarze Pädagogik ausschalten. Der Schlüssel dafür ist Reflexion.
Als Eltern kommen wir in eine ganz neue Verantwortung, die uns als Nicht-Eltern noch nicht zugänglich war. Plötzlich tragen wir die Verantwortung dafür, dass unsere Kinder liebevoll aufwachsen können und nicht den selben Dämonen verfallen, wie wir es sind. Dafür müssen wir uns jedoch diesen Dämonen stellen und uns mit ihnen auseinander setzen. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass wir eben nicht auf unsere autoritär geprägten Erfahrungen mit Erziehung blind zurückgreifen. Gemeinplätze und gesellschaftlich akzeptierten Sprachgebrauch in Zusammenhang mit Erziehungsmethoden oder Kindern im Allgemeinen müssen wir ausblenden. Und uns stattdessen auf unsere eigene, kinder- und menschenfreundliche Vorstellung von einem guten Zusammenleben besinnen. Was ist für uns persönlich wichtig für den Umgang mit unseren Kindern? Was wollen wir, was sie später sein sollen, sein können?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass alle Eltern ihre Kinder in einem von Liebe und Frieden geprägten Umfeld aufwachsen sehen wollen. Doch dafür müssen wir sorgen. Das kommt nicht von alleine und leider nimmt uns die Verantwortung dafür auch niemand ab. Schließlich ist eines doch ganz klar: Eltern sein ist der härteste Job der Welt – aber auch der einzige der jede mühevolle Sekunde wert ist. Immer.

Hast du das Gefühl, dass dich deine negativen Glaubenssätzen im Umgang mit deinem Kind quälen? Dann lies mal bei Annika rein. In ihrem Artikel zeigt sie, wie uns unsere inneren Überzeugung (aka Glaubenssätze) positiv und negativ beeinflussen können.

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