Mama-Wut: Woher kommt sie und was will sie?

Meistens bin ich ein ziemlich ausgeglichener, fröhlicher und vor allem zuversichtlicher Mensch. Auch meinem Kind gegenüber fällt es mir verhältnismäßig leicht. Aber da gibt es auch diese Momente, wo ich wütend werde. Wütend auf ihn, wütend auf mich und wütend auf irgendwie alles. Ich habe lange gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass mir diese Wut etwas zeigen will und dass ich mit meiner Mama-Wut arbeiten kann.

Mütter sind nicht wütend

Aber fangen wir weiter vorne an, mit einer Frage an dich: Traust du dich wütend zu sein? Schreibe mir die Antwort unbedingt unten in die Kommentare. Denn ich beobachte und erlebe es immer wieder in meiner Arbeit mit Müttern, dass es Gefühle gibt, die eine Mutter nicht haben sollte. Dazu gehören die Wut oder Zorn, aber auch Frust über das Mamasein aus dem einen oder anderen Grund. Diese Gefühle sind eher männlich, stark und daher bei Männern akzeptierter. Eine Frau und Mutter darf gerne sanft sein, Tränen weinen und sensibel, sowie traurig sein. Mama-Wut ist ein perfektes Tabuthema.

Als ich vor mittlerweile mehr als fünf Jahren die Diagnose Depression bekam, stellte ich im Rahmen meiner Recovery ziemlich schnell fest, dass diese unterdrückte Wut ein Problem ist. Mein Problem ist. Ich habe lange, lange Zeit versucht diese Gefühle wegzudrücken und runterzuschlucken. Lieb, nett und immer hilfsbereit – da passt Wut nun wirklich gar nicht rein.

Aber Gefühle oder genauer gesagt Emotionen, die verschwinden nicht, wenn wir so tun, als wären sie nicht da. Ein Gefühl lässt sich nicht verdrängen oder aufschieben. Ein Gefühl will immer von uns gelebt werden. Und wenn wir dagegen arbeiten, sowie ich es lange Zeit gemacht habe, dann wird aus ihnen ein dunkler, schlotziger, eckliger Morast, der unsere Seele von innen heraus langsam überzieht. Klingt drastisch und irgendwie übertrieben? Ja, vielleicht. Aber genau so ist es. Dramatisch für dich und es war auch dramatisch für mich.

Wut runterschlucken funktioniert nicht

Als ich versuchte meine Wut immerzu zu unterdrücken, passierte nämlich das genaue Gegenteil von dem, was ich eigentlich wollte. Ich explodierte bei Kleinigkeiten und dann so richtig. Es schien so, als würde sich das Gefühl in mir tausendfach potenzieren und dann mit heftiger Wucht hervorbrechen. Völlig außer Kontrolle. Hinterher Scherben auffegend und zutiefst bereuend. Du kannst bestimmt ganz gut nachempfinden, wie beschissen sich das angefühlt haben muss…

Wenn das Runterschlucken von Wut nicht funktioniert und eher zu unkontrollierten Wutausbrüchen führt. Wie kann man dann mit ihr umgehen? Als Frau, die es scheinbar nie gelernt hat? Tja, das war ein etwas längerer Prozess, der mich auch immer noch begleitet. Das ist aber okay so, wie ich mittlerweile weiß.

Gedanken beeinflussen Gefühle

Durch den Erholungsprozess nach meiner Erkrankung und sehr (sehr, sehr) viel Selbstreflexion stellte ich nun also fest, dass ich jahrelang versucht hatte eine Maske aufrechtzuerhalten und Gefühlsanteile einfach wegzudrücken. Gut, da wären wir also auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Was dagegen hilft, war mir zugleich auch verhältnismäßig schnell klar. Nämlich alle Gefühle in mir willkommen zu heißen und zuzulassen. Jedes einzelne Gefühl. Von Trauer, über Scham, bis Frust und Wut. Aber auch Freude. Sie alle sind wie Botschafter unseres Geistes, sie machen uns aufmerksam darauf, wie es uns gerade geht und wie unser Denken strukturiert ist.

Denn: Gedanken beeinflussen unsere Gefühle. Gefühle beeinflussen unsere Handlungen. Unsere Handlungen beeinflussen Ergebnisse. Und die Ergebnisse führen dann wieder zu Gedanken. You got it?

Ich nahm also meine Wut und fragte sie aus. Was möchte sie mir sagen? Woher kommt mein Ärger? Welche Bedürfnisse ignoriere ich? Welche Anteile von mir leugne ich oder lebe ich nicht? Was verletzt mich? Die Antworten auf diese Fragen sind wahnsinnig hilfreich, wenn du auch verstehen möchtest, woher deine Gefühle eigentlich kommen. Denn oft nehmen wir ja an, dass wir unseren Gefühlen einfach ausgeliefert sind. Die doofen Dinger kommen und sind einfach da. Besser noch, die nerven so richtig rum. Tatsächlich ist es anders. Wir denken erst und fühlen meistens erst als Reaktion darauf. Nur sind uns unsere Gedanken viel zu oft nicht bewusst.

Mama-Wut trifft auf starke Gefühle beim Kind

Als mein Sohn dann zwei Jahre nach meiner Diagnose geboren wurde, hatte ich schon ein wenig Zeit gehabt, um an mir zu arbeiten. Trotzdem traf mich die Wucht des reinen Gefühls, aus dem dieses kleine Bündel zu bestehen schien, hart. Als Erwachsene sind wir es meist einfach nicht mehr gewohnt so offen und direkt mit unseren Gefühlen umzugehen, wie es ein Kind tut. Ich glaube, dass viele Probleme von Eltern aus diesem Umstand resultieren. Denn ein Baby ist schon deutlich in seinen Gefühlen, ein Kind in der Autonomiephase legt noch den Drang seinen freien Willen zu entfalten oben drauf. Heiliger Mist, das ist oft echt anstrengend! Kein Wunder also, dass bei viel Begleitungsarbeit und der Konfrontation mit starken Gefühlen unsere eigenen Gefühle Achterbahn fahren!

Kleine Kinder treffen uns nämlich im Laufe eines Tages so oft an unseren gut versteckten wunden Punkten. Dein Kind möchte partout seine Schuhe nicht anziehen und du hast Angst zu spät zu kommen? Plötzlich fängt es an in dir zu brodeln. Angst vor der Reaktion anderer, weil ihr zu spät seid oder aber auch die Erinnerung an Situationen der eigenen Kindheit können der Auslöser sein. Die Mama-Wut ist in diesem Moment ein deutliches Signal näher hinzusehen. Hinsehen, statt wegschieben sollte das Credo sein.

Schau der Mama-Wut ins Gesicht

Statt dich also in der Reaktion auf dein Kind zu verzetteln und zu explodieren, will ich dich gerne ermutigen das Gefühl anzunehmen. Anzunehmen, dass es jetzt da ist. Anzunehmen, dass du da offensichtlich irgendein unbearbeitetes Thema hast. Anzunehmen, dass du es gerade nicht besser kannst. Schon alleine durch die Akzeptanz deiner Gefühle, deiner Selbst und der Gedanken, die dahinterstecken, nimmst du dir automatisch Druck von den Schultern. Es ist wie das Gefühl wieder atmen zu können.

Wenn dann der Raum dafür da ist bzw. du ihn dir geschaffen hast, dann geh da nochmal rein. Schau deiner Mama-Wut ins Gesicht. Geh in die Situation am Morgen, als dein Kind seine Schuhe nicht anziehen wollte und du angefangen hast zu explodieren. Was hast du gedacht? Wie hat sich das angefühlt? Welches deiner Bedürfnisse steckte dahinter? Wie kannst du dir dieses Bedürfnis zukünftig erfüllen?

Auf diese Art und Weise habe ich den ersten Schritt in die Richtung gemacht, alle meine Gefühle als Botschafter zu betrachten und sie nicht mehr verdrängen zu wollen. Vielleicht ist es auch dein erster Schritt?

Wenn du noch mehr zu dem Thema Wutausbrüche und was dein Kind damit zu tun hat lesen möchtest, dann schau unbedingt mal bei Annika von „Deine Familienbande“ vorbei. Sie geht in ihrem Blogartikel darauf ein, wie du deine Wut analysieren und sie so loslassen kannst.

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