Wie Erziehungsratgeber Mütter gefährden

Die Branche der Erziehungsratgeber boomt. Und auch, wenn das Genre sich schick Elternratgeber nennt, wäre es doch eigentlich treffender von „Mütterratgebern“ zu sprechen. Erziehung, das Versorgen der Kinder und der Aufbau einer sicheren Bindung zum Sicherstellen einer positiven kindlichen Entwicklung liegt in den allermeisten Ratgebern vor allem im Kompetenzbereich von Müttern. Mütter lesen (mehr oder weniger) wissenschaftliche Elternratgeber, Väter lesen „Gebrauchsanweisungen zur Inbetriebnahme eines Babys“. Wenn überhaupt.

Mütter lesen Erziehungsratgeber, Väter vertrauen auf ihre Intuition

Im Rahmen seiner Dissertation untersuchte Christian Zeller die Ratgeberbranche und das Leseverhalten der Zielgruppe. Er kam zu dem (wenig überraschenden) Ergebnis, dass vornehmlich Mütter Erziehungsratgeber lesen und Väter (besser gesagt „Vater“, denn es meldete sich nur ein einziger Vater auf den Aufruf Zellers, der bereit war an der Studie mitzuwirken) stattdessen auf ihre Intuition vertrauen. Dieses Ergebnis deckt sich mit meinem subjektiven Eindruck, dass Blogs und Micro-Blogs auf Instagram zu 99% für Mütter geschrieben werden. Besonders seit dem Corona auf allen Kontinenten wütet, ploppen immer mehr solcher Micro-Blogs voller bindungsfördernder Tipps für Mütter auf.

Mütter sind scheinbar ganz besonders daran interessiert eine gute, sichere Mutter-Kind-Bindung aufzubauen. Das ist wenig verwunderlich, denn es wird nicht nur vornehmlich das Beziehungsgeflecht zwischen Mutter und Kind erforscht, sondern auch die Ergebnisse fast ausschließlich an diese adressiert. So postuliert bereits der Begründer der Bindungstheorie John Bowlby die Bedeutung der Beziehung zwischen Mutter und Kind für das Wohlergehen des Letzteren. Auch Mary Ainsworth, die durch ihre Forschungsarbeiten das Konzept der Feinfühligkeit entwickelte, untersuchte ausschließlich die Mutter-Kind-Beziehung.

Erziehung ist Frauensache

Wie kommt es, dass Mütter im Fokus der Erziehungsbranche stehen? Werfen wir einen kurzen Blick zurück auf die Entstehungsgeschichte der Erziehungsratgeber.

Einen regelrechten Boom erlebten Erziehungsratgeber Mitte des 17. Jahrhunderts während der Aufklärung. Sowohl das Frauen- als auch das Kinderbild änderten sich in dieser Phase drastisch. Frauen wurden noch stärker die Attribute zart, zurückhaltend, passiv und sanft zugeschrieben. Ihre gesellschaftliche Verantwortung umfasste die Führung des Haushalts, inklusive eventuell Bediensteter, die Erziehung der Kinder und das Erfreuen ihres Ehemannes. Teilhabe am Arbeitsmarkt oder an gesellschaftlichen Prozessen war für sie nicht vorgesehen. Sie waren weiterhin Objekte, über die Männer verfügten. Männer hingegen übernahmen die Rollen der Intellektuellen, Versorger, Politiker, Gesetzgeber, Unternehmer und vieles mehr.

Frauen hatten ja auch wirklich genug mit der Kindererziehung zu tun. In Zeiten der Aufklärung, also eigentlich ein Zeitalter, dass sich dem rationalen Denken verschrieben hatte, erblühte nämlich die Meinung, dass Kinder als unbeschriebene Blätter zur Welt kämen und erst durch Erziehung zu gehorsamen, folgsamen und ruhigen Erwachsenen geformt werden müssten (mehr zur sogenannten schwarzen Pädagogik kannst du in diesem Artikel lesen). Das war eine gesellschaftlich relevante, Zeit einnehmende Aufgabe für jede Frau und Mutter, bei der sie von Männern sicher nicht vollkommen sich alleine überlassen werden sollten. So explodierte die Zahl der Erziehungsratgeber, die sich – selbstverständlich – hauptsächlich an Mütter richteten und von Männern geschrieben wurden.

Der Einfluss der Bindungstheorie

Heute sind wir von diesem Bild nicht sehr weit entfernt. Eine Industrialisierung, zwei Weltkriege und ein paar Frauenbewegungen später, sind Frauen zwar in einige gesellschaftliche Bereiche vorgedrungen. Es gibt Frauen und Mütter mit politischen Ämtern, Mütter, die Wissenschaftlerinnen, Autorinnen oder Unternehmerinnen sind. Aber Care Arbeit ist weiterhin zu 90% Frauensache. So sind Frauen entweder kinderlos oder zerrissen zwischen ihren beiden „Jobs“.

Dieser Umstand wird befeuert von moderneren Erkenntnissen der Forschung rund um die kindliche Entwicklung. In den 1950er Jahren entwickelte John Bowlby (obviously ein Mann) die Bindungstheorie. Die Bindungstheorie war und ist ein Meilenstein in der Entwicklung der Kindererziehung. Erstmalig wurde festgehalten, dass Babys und Kinder Bezugspersonen benötigen, die ihnen körperliche Nähe, Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung schenken. Bahnbrechend zu einer Zeit, in der die Kindersterblichkeit und der Hospitalismus in den aus allen Nähten platzenden Waisenhäusern, extrem hoch waren. Doch die Bindungstheorie hatte und hat bis heute ein großes Problem. Sie wird hauptsächlich an Mütter adressiert.

Die Mutter-Kind-Bindung

Immer wieder liest man von der immensen Bedeutung der „Mutter-Kind-Bindung“. Davon, wie wichtig eine fürsorgliche Mutter für das Wohlergehen des Kindes sei und wie die Beziehung zur Mutter das weitere Leben des Kindes beeinflusse. Bei meiner Recherche stoße ich auf den Umstand, dass kaum Studien vorliegen, die auf die Bedeutung von Vätern für die kindliche Entwicklung eingehen. Dabei ist dieser Mangel an Auseinandersetzung mit der Rolle der Väter durchaus bekannt. Wir wissen bereits, dass Väter eine kompensierende Wirkung auf eine unsichere Bindung zur Mutter haben, aber wir schreiben weiterhin Ratgeber für Mütter und stumpfe Gebrauchsanleitungen für Väter. Die Männer mögen es eben einfach. Klischee olé.

Social Media kann es noch besser. Mehr als 300.000 Beiträge auf Instagram unter den Hashtags #bindungsorientiert und #bedürfnisorientiert (und das sind nur zwei von vielen weiteren Hashtags) richten sich an Mütter. Mütter, die Angst davor haben nicht genug zu sein. Mütter, die sich sorgen ihrem Kind zu schaden. Mütter, die sich selbst bereitwillig aufopfern für eine gute Mutter-Kind-Bindung. Die Bindungstheorie hat Einzug in die Bücherregale und Köpfe von Müttern gehalten. Natürlich ist daran nicht per se alles schlecht. Es gibt sicher eine Menge Kinder, die davon profitieren, dass sich Mütter (ja, Mütter. Nicht Eltern.) verstärkt damit auseinandersetzen, was sie brauchen. Ich bin selbst absolute Befürworterin einer gewaltfreien Erziehung von Kindern auf Augenhöhe. Aber ich befürworte nicht, dass dafür Mütter verheizt werden.

Mütter verheizen sich gegenseitig

Auf Instagram gibt es nämlich einen wirklich besorgniserregenden Trend. Stehen in Buchhandlungen vor allem Erziehungsratgeber, die zu 95% von Männer geschrieben wurden, so verbreiten auf Social Media vor allem Mütter ihr Gedankengut übers Mamasein und einer „richtigen“ Erziehung. Wer kennt sie nicht, die „lustigen“ Sprüche eingängiger Mamaprofile:

„Kalter Kaffee, Augenringe und Dauermüdigkeit. Aber das Lächeln deines Kindes macht alles wieder gut. Verlinke eine Mama, die das gerade hören muss.“

„Tränentrocknerin, Gourmetköchin, Animateurin, Geschichtenerzählerin, Haushaltskönigin. Ja, Mütter sind echte Superfrauen.“

Und so weiter und so fort. Durch Profile von Bindungsexpertinnen (zu denen ich selbst im letzten Jahr noch gezählt habe) wird diese Gedankensuppe dann noch angereichert mit „5 Tipps zum bedürfnisorientierten Zähneputzen“, „3 Gründe, warum du auf die Bedürfnisse deines Kindes immer eingehen solltest“ und ins Herz schießende Beiträge aus der Perspektive von Kindern, die von ihren Müttern mal wieder falsch behandelt wurden. Selbst aus professioneller Distanz betrachtet, flammt in mir (ich bin ja auch Mutter) ein dezent schlechtes Gewissen auf, weil ich sicher nicht alles davon umsetze(n kann).

So erhöhen Mütter fleißig den Druck aufeinander, verheizen sich gegenseitig und reproduzieren eine Mutterrolle, die niemand eigentlich so richtig gebrauchen kann.

Alles eine Frage des Mindsets?

Mütter-Burnout und ein immenser Anstieg psychischer Erkrankungen unter Müttern sprechen eine deutliche Sprache. Mütter leiden unter den erdrückenden Ansprüchen, die unsere Gesellschaft an sie stellt. Was können wir also tun, um uns selbst zu befreien von Anforderungen und Erwartungen, die sich kaum eine Mutter selbst aussuchen würde, hätte sie wirklich eine Wahl?

Ich persönlich denke, dass wir eine Abkehr von unseren Geschlechterstereotypen benötigen und jede Mutter darin gestärkt werden sollte, die Rolle, die sie in ihrem Leben als Frau und Mutter spielt, selbst zu definieren. Wir brauchen Mütter, die sich selbst so wichtig nehmen, dass sie ihre Grenzen wahren und entscheiden können, ob sie sich Bindungs-Ratschlag XY wirklich annehmen wollen. Wir benötigen Mütter, die andere Mütter darin bestärken ihren eigene Weg zu gehen und sich frei von Druck und Erwartung gegen ein gesellschaftlich akzeptiertes Mutterbild auflehnen. Diese Veränderungen sind nicht nur nötig im privaten, persönlichen Bereich. Es ist nicht alles nur eine Frage des Mindsets. Aber gesamtgesellschaftliche Veränderungen können wir erst dann erreichen, wenn wir uns selbst nehmen, was uns zusteht, dann andere Mütter dabei unterstützen und schließlich gemeinsam für diese Sache einstehen.

Gemeinsam als Schwarm können wir abheben, liebe Flamingomutter. Bist du mit dabei? 🦩